{"id":343,"date":"2017-07-06T21:26:52","date_gmt":"2017-07-06T19:26:52","guid":{"rendered":"https:\/\/mclawmedia.com\/entw\/?page_id=343"},"modified":"2017-07-09T12:21:48","modified_gmt":"2017-07-09T10:21:48","slug":"kapitel-5-christine","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mclawmedia.com\/entw\/kapitel-5-christine\/","title":{"rendered":"Kapitel 5 &#8211; Christine"},"content":{"rendered":"<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\"><br \/>\nDas Beste dabei war, da\u00df wir zuerst ihre Schwester und deren Freundin kennengelernt hatten. Ich erinnere mich noch genau: wir waren nun schon eine ganze Woche in dem Ort, und nichts war los, aber rein gar nichts. Auf der Piste sah man zwar ab und zu einige ganz s\u00fc\u00dfe H\u00e4schen, aber entweder waren die zu schnell f\u00fcr uns, oder die Situation war derma\u00dfen beschissen, da\u00df man das ganze vergessen konnte. Da man abends niemanden wiedertraf (vielleicht gingen wir ja auch zu sp\u00e4t raus, ich wei\u00df es nicht), hatten wir noch niemanden (!!!) kennengelernt. Ganz sch\u00f6n traurig f\u00fcr so \u00b4nen Skiurlaub. Wir pendelten nachts immer zwischen einem Hotel und einem Club hin und her, im Hotel lief jeden Abend was anderes, mal Disco, Cinema, oder Variet\u00e9. Der Club war so \u00b4ne Art Disco, die f\u00fcr \u00b4nen Urlaubsort sogar ganz gut aufgemacht war (h\u00f6hlenm\u00e4\u00dfig), und in der vor allem auch ganz anst\u00e4ndige Musik lief. Es gab dann noch eine Piano Bar, aber die erw\u00e4hne ich auch nur, weil sie eben so da war. Drin waren wir n\u00e4mlich nie. An diesem Abend schlenderten wir wieder durch den Ort und r\u00fcber zum Hotel. Bei der K\u00e4lte war der Weg irgendwie doch ganz sch\u00f6n lang. Wir machten uns nichts vor, der Abend w\u00fcrde wieder genauso enden, wie die vorherigen. Wir w\u00fcrden nach Hause kommen in unser Appartement, unser Mitbewohner, Vormo, ein absolut dufter Typ, w\u00fcrde schon schlafen, da er&#8217;s meist nicht ganz so lang aushielt wie wir, und wir w\u00fcrden wieder vor Hunger umkommen und uns eines unserer \u201eMitternachts-<wbr \/>S\u00fcppchen\u201c kochen. Mitternacht war zwar schon Stunden vorbei, aber wir nannten es trotzdem immer so.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Wir stapften durch den Schnee, f\u00fcr dieses Wetter viel zu d\u00fcnn angezogen, aber wir hatten ja schlie\u00dflich auch nicht vor, die ganze Nacht drau\u00dfen zu verbringen. Als wir an dem riesigen Hotel ankamen, \u00fcberlegten wir wieder kurz, was wir wohl sagen sollten, falls uns jemand anmachen wollte, da\u00df wir doch gar nicht hier wohnten. Da aber weit und breit niemand zu sehen war, hielten wir uns auch nicht l\u00e4nger damit auf. So gut h\u00e4tte ich sowieso nicht Franz\u00f6sisch gesprochen, um gegen irgendeinen aufgebrachten Franzosen anzukommen. Pedro konnte in so einem Fall vielleicht noch auf Griechisch oder Latein kontern, aber Franze war nicht so sehr sein Gebiet.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Wir schlichen uns systematisch an den Veranstaltungsraum heran. Man h\u00f6rte zwar irgendeine Art von Musik, aber wir h\u00e4tten nicht sagen k\u00f6nnen, was heute abend dort los war. \u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Als ich gerade die Klinke dr\u00fccken wollte, ging die T\u00fcr auf, und es kam ein v\u00f6llig verschwitztes M\u00e4dchen heraus gest\u00fcrmt. Im selben Augenblick h\u00f6rten wir von drinnen ein Gedr\u00f6hne, das wohl\u00a0<\/span><span class=\"Normal-C-C0\">Madonna<\/span><span class=\"Normal-C\">\u00a0darstellte.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Na ja, war zwar nicht 100% unser Geschmack, aber immerhin war hier gut was los. Die provisorische Disco war gut gef\u00fcllt, und Pedro und ich guckten uns an, und unsere Hoffnung keimte neu auf.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Leider war die Musik wirklich \u00fcberhaupt nicht unser Fall, aber was soll man machen; ich hab noch nie etwas erlebt, das vollkommen war.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Wir setzten uns erst mal auf die B\u00fchne, um die Lage zu peilen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Nach einiger Zeit fiel mir ein M\u00e4dchen auf, das links von uns hinter einem Pfeiler sa\u00df. Das einzige, was Pedro darauf sagte, war: \u201ena die is ja wohl \u00b4n bisschen pummelig, oder!?\u201c Er hatte schon etwas anderes entdeckt&#8230;<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Ich fand sie \u00fcberhaupt nicht pummelig, aber Pedro hatte auch ungef\u00e4hr so gute Augen, wie ein Maulwurf, der auf einer B\u00fchne steht und dem Publikum die Augenfarbe des Beleuchters sagen soll.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">F\u00fcr mich war sie noch nicht gestorben, aber ungewollt sollte Pedro sogar gar nicht mal so unrecht haben. Pedros andere Entdeckung tanzte nicht weit von uns mit einer Freundin. Ich wei\u00df nicht, ob das schon immer so war, aber seit diesem Urlaub l\u00e4sst er nur noch Dunkelhaarige zu. Die Kleine\u00a0<\/span><span class=\"Normal-C-C0\">war<\/span><span class=\"Normal-C\">\u00a0dunkelhaarig, und sie war wirklich s\u00fc\u00df, obwohl mir ihre Freundin auf den ersten Blick besser gefiel. Das sollte sich sp\u00e4ter noch als verheerender Fehler herausstellen. Im Moment aber passte das alles ganz gut, und als der DJ dann auch noch in einer schwachen Minute \u201e<\/span><span class=\"Normal-C-C0\">Boys Don\u00b4t Cry\u201c<\/span><span class=\"Normal-C\">\u00a0spielte, da tanzten wir nat\u00fcrlich auch.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Pedro hatte jemanden entdeckt, und mir gefiel ihre Freundin auch ganz gut, was wollten wir mehr. Leider hatte ich mein M\u00e4dchen hinter dem Pfeiler in diesem Moment abgehakt; h\u00e4tte ich lieber nicht machen sollen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Ich glaube, es dauerte ungef\u00e4hr eine Stunde, da sa\u00dfen wir bei uns im \u201eWohnzimmer\u201c und versuchten, uns mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen mit zwei wirklich s\u00fc\u00dfen Franz\u00f6sinnen zu unterhalten. War wirklich lustig; ich denke, mein bester Freund hat sp\u00e4ter in seinem Leben kaum noch mal soviel wie an diesem Abend geraucht. Da die beiden auch rauchten, konnten wir uns nachher kaum noch sehen. Echt! Kein Schei\u00df. Dicke Schwaden zogen durch den Raum, insgeheim suchte ich die Nebelmaschine, aber au\u00dfer zwei M\u00e4dchen, die sichtlich ihren Spa\u00df hatten, und einem Pedro, der im siebten Himmel zu schweben schien, konnte ich sonst nichts sehen, was diese Schwaden h\u00e4tte verursachen k\u00f6nnen. Vormo war aus seinem Zimmer angedackelt gekommen, sa\u00df nun am Tisch und rollte sich nur noch ab. Er verstand zwar auch kaum ein Wort, aber seinen Spa\u00df hatte er trotzdem. Warum wir an diesem Abend nicht\u00a0<\/span><span class=\"Normal-C-C0\">mehr<\/span><span class=\"Normal-C\">\u00a0gebacken kriegten, als ihre Adressen zu bekommen und uns f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag zu verabreden, bleibt mir bis heute ein R\u00e4tsel. Wir brachten sie auf jeden Fall noch wieder zu ihrem Hotel zur\u00fcck, und ich glaube, als wir gingen, war es ungef\u00e4hr sechs Uhr morgens.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Vormo pennte schon, und wir krochen auch in die Heia. Den Skiunterricht am n\u00e4chsten Morgen haben wir nicht erlebt.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Im Laufe der Woche lernten wir au\u00dfer dem gro\u00dfen Bruder der dunkelhaarigen Magalie auch noch ihren kleinen Bruder kennen und ihre gro\u00dfe Schwester&#8230;!<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Mich traf fast der Schlag, als wir einander vorgestellt wurden: Sie war die Unbekannte hinter der S\u00e4ule von dem Discoabend im Hotel! Ich konnte es kaum fassen. Auch Pedro bereute etwas seine vorschnelle \u00c4u\u00dferung \u00fcber ihr Aussehen. Christine sah phantastisch aus!<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Ich kann es kaum beschreiben; niemals zuvor und auch nicht sp\u00e4ter habe ich so ein M\u00e4dchen getroffen. Sie war ein Jahr \u00e4lter als wir, und ich war so von ihr beeindruckt, da\u00df ich nicht einmal den Versuch gemacht habe, an sie heranzukommen. Ich h\u00e4tte die Gelegenheit schon gehabt, aber ich war einfach nur hingerissen und nicht imstande, klar zu denken, wenn sie in meiner N\u00e4he war. Sie verschlug mir die Sprache, wie wenn man vor einer g\u00f6ttlich sch\u00f6nen Ikone steht, staunt und schweigt.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Ich brauchte sie nur anzugucken, und mir liefen reihenweise kalte Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Sch\u00f6ne Schauer&#8230;<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">So etwas hatte ich noch nie gesehen oder erlebt. Ich hatte den Eindruck, da\u00df die Welt den Atem anhielt, wenn sie in der N\u00e4he war &#8211;<wbr \/>\u00a0da\u00df sie ihr huldigte. Es war unbeschreiblich. Sie verschlug mir tats\u00e4chlich die Sprache. Sie war mein wahr gewordener Traum! Sie war derart sch\u00f6n, da\u00df ich daf\u00fcr keine Worte finde.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Dass sie schwanger war und im dritten Monat, erfuhren wir erst ziemlich sp\u00e4t. Ihr \u201eFreund\u201c war nirgends zu sehen. Ich wagte nicht, weiter nachzufragen, sie war mir heilig&#8230;<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Mit Magalie und Celina, ihrer Freundin, gab es noch einige unsch\u00f6ne Szenen, als unverhofft irgendwelche Idioten aus Paris auftauchten, die die beiden auch noch kannten. Pedro kackte ganz sch\u00f6n ab. Mich nahm das ganze zwar auch ziemlich mit, aber zu der Zeit wirkte schon ein ganz anderes Gegengift. Das einer gro\u00dfen Schwester einer kleinen Franz\u00f6sin, die sich Magalie nannte und Pedro gerade Dolchst\u00f6\u00dfe versetzte:<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Christine war ungef\u00e4hr so gro\u00df wie ich, hatte dunkelbraune, etwas \u00fcber schulterlange, naturgelockte Haare, die sie zu den unglaublichsten Frisuren zusammen stecken konnte und unbeschreibliche braune Augen&#8230; den Rest w\u00fcrde mir sowieso keiner glauben.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Komisch, wenn man heute jemanden fragen w\u00fcrde, auf welchen Typ M\u00e4dchen ich stehe &#8211;<wbr \/>es w\u00fcrde bestimmt blond mit blauen Augen herauskommen. Dabei hat das M\u00e4dchen meines Lebens braune Augen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Ich h\u00e4tte auf der Stelle sterben k\u00f6nnen, wenn sie mich aus ihren braunen Augen heraus so anguckte. Der Kellner im Club anscheinend auch, denn wenn Christine dabei war und sie ihn von unten her anschaute, bekamen wir alle Drinks umsonst, komisch.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Tja, aber die Vollkommenheit gibt es nun mal nicht, und so verging der Rest der Zeit wie im Flug, und schon nahte der Abend, an dem wir abfuhren. Pedro wollte ganz und gar nicht. Und es bedurfte einiger \u00dcberredungskunst, ihn soweit zu bekommen, in den verdammten Bus einzusteigen. Die Franz\u00f6sinnen waren noch bis zum Bus mitgekommen, und ehrlich gesagt, ich h\u00e4tte heulen k\u00f6nnen. Beim obligatorischen Abschiedskuss auf die Wangen konnte ich es mir dann schlie\u00dflich nicht mehr verkneifen und k\u00fcsste sie auf den Mund&#8230; Sie war zwar \u00fcberrascht, aber wehrte sich nicht.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Als so ein Idiot aus unserer Gruppe dann auch noch meinte, \u201edie lachen euch doch nur aus, die kleinen Nutten\u201c, da bekam er so einen Arschtritt von mir, da\u00df er die n\u00e4chsten zwei Stunden nicht mehr ruhig auf seinem verdammten Arsch sitzen konnte.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Ich glaub, mir fiel selten nochmals ein Abschied so schwer.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Aber da wir von Magalie ja die Adressen bekommen hatten und sogar ein paar Fotos zustande gebracht hatten, war ich letztendlich doch zuversichtlich. Paris war auch nicht\u00a0<\/span><span class=\"Normal-C-C0\">so<\/span><span class=\"Normal-C\">\u00a0weit weg, und da wir schon Anfang April hatten, standen auch die Sommerferien schon fast wieder vor der T\u00fcr.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Als der Film entwickelt war, traf uns fast der Schlag. Bis auf ein Foto von Christine, auf dem man sie aber kaum wiedererkannte, da es ihr an diesem Tag wirklich mies ging, war keins der Fotos, die wir von unseren Franz\u00f6sinnen gemacht hatten, etwas geworden.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal-P-P0\"><span class=\"Normal-C\">Jetzt frag mich blo\u00df keiner warum. Ich h\u00e4tte kotzen k\u00f6nnen. Ich wei\u00df es ja selbst nicht. Vielleicht musste das so sein, sonst h\u00e4tten wir ja nicht richtig leiden k\u00f6nnen\u2026<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(\u00a9 Mac McLaw \u2013\u00a0aus: \u00bbDreamhunter\u00ab \u2013 Ur-Fassung, 1. Auflage)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Beste dabei war, da\u00df wir zuerst ihre Schwester und deren Freundin kennengelernt hatten. Ich erinnere mich noch genau: wir waren nun schon eine ganze Woche in dem Ort, und nichts war los, aber rein gar nichts. 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